
TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ Ausgabe vom 14. April 2022, von Mario Zenhäusern: „Mangelnde Sensibilität“
Innsbruck (OTS) – Rechtlich dürfte nichts gegen die Aufführung des Gletscherspektakels Hannibal in Sölden sprechen. Trotzdem verstört das Festhalten am kriegerischen Schauspiel, während in der Ukraine Menschen im Kampf gegen Russland ihr Leben verlieren.
Seit 20 Jahren beendet ein gewaltiges Spektakel die lange Wintersaison in Sölden: Mit Pistenraupen, Flugzeugen, Hubschraubern, Tänzerinnen und Tänzern sowie Hunderten Beteiligten wird am Rettenbachferner in 3000 Metern Seehöhe die historische Alpenüberquerung des karthagischen Feldherrn Hannibal nachgestellt. Mehr als 75.000 Zuschauer hat das Gletscherschauspiel seit der ersten Aufführung im Jahr 2001 in seinen Bann gezogen. Nach zwei Jahren coronabedingter Pause soll die Show am Freitag, 22. April, abermals über die Piste gehen.
Umweltschützern war die „moderne Parabel um Machtstreben, Liebe, Intrigen und Weltpolitik“ (Originalbeschreibung der Veranstalter) schon immer ein Dorn im Auge. Nicht zu Unrecht. Das Dröhnen der Helikopter und Flugzeuge sowie der Einsatz Dutzender Pistenbullys wollen so gar nicht mit der oft strapazierten Nachhaltigkeit zusammenpassen, mit der sich auch die Touristiker in Sölden gerne brüsten. Heuer findet die Veranstaltung noch dazu vor dem Hintergrund unsagbarer Gräueltaten der russischen Soldateska in der Ukraine statt. Die Aufführung eines kriegerischen Schauspiels, während wenige hundert Kilometer entfernt Menschen im Kampf gegen die brutalen russischen Angreifer ihr Leben riskieren und viel zu oft auch verlieren, stößt nicht überall auf Wohlwollen. In der Gemeinde genauso wenig wie im Landhaus.
Die Bilder aus der Ukraine sind verstörend. Das Festhalten der Organisatoren an der Durchführung ist es auch. Mitgefühl mit den notleidenden Menschen im Kriegsgebiet schaut definitiv anders aus. Aber Empathie ist eben keine Kategorie, wenn es ums Geschäft geht, und mangelnde Sensibilität ist nicht strafbar.
Dabei hätte ein Verzicht als Signal gegen Putins Krieg gewertet und entsprechend „verkauft“ werden können. Die Interpretation, dass Hannibals Feldzug ja ein Fehlschlag war und die Show deshalb als Sinnbild für gescheiterte Invasionen zu betrachten sei, klingt dagegen wie eine müde Ausrede.
Trotzdem ist festzuhalten: Rein rechtlich dürfte nichts gegen Hannibal 2022 sprechen – auch wenn der endgültige behördliche Segen noch fehlt. Die entscheidende Verhandlung, bei der es um die luftfahrttechnische Genehmigung geht, findet heute statt. Ein negativer Bescheid ist nicht zu erwarten, weil sich die gesetzlichen Voraussetzungen für die Abhaltung derartiger Veranstaltungen im Vergleich zu früheren Jahren nicht wesentlich geändert haben. Sollte die Behörde jetzt trotzdem Argumente finden, die ein „Njet“ rechtfertigen, muss sie sich die Frage gefallen lassen, warum sie diese in den vergangenen 20 Jahren nicht einmal gesucht hat.
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