Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes gedenkt der Opfer von Engerau

Das DÖW erinnerte am 31. März anlässlich des 80. Jahrestags der Evakuierung des Lagers Engerau an die dort ermordeten ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter.

2025 jährt sich die Befreiung Österreichs vom NS-Regime zum 80. Mal. In der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs mussten im Zuge von „Todesmärschen“, Lynchmorden und Menschentreibjagden viele tausend Menschen ihr Leben lassen. Dazu zählten auch ungarische Juden, die im Zuge des „Südostwallbaues“ von Ende 1944 bis März 1945 Zwangsarbeit bei der Errichtung einer – militärisch völlig sinnlosen – Reichsschutzstellung zur Verteidigung des Deutschen Reiches leisten mussten. In mehr als 200 Lagern auf dem Gebiet des heutigen Niederösterreichs, des Burgenlandes und der Steiermark waren sie unter unwürdigen Lebensbedingungen notdürftig untergebracht. Das nördlichste Lager befand sich in Engerau, dem heutigen Stadtteil Petržalka in Bratislava.

Von Anfang Dezember 1944 bis Ende März 1945 waren rund 2.000 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter in dem Lager interniert. Sie wurden in den letzten Kriegsmonaten von Budapest kommend deportiert. Einquartiert waren sie in mehreren Teillagern, die sich in den Häusern und Stallungen der Ortsbevölkerung befanden. Bis zur Evakuierung des Lagers vor der sowjetischen Armee am 29. März 1945 starben viele Zwangsarbeiter an Erschöpfung, Unterernährung, den katastrophalen hygienischen Bedingungen und Misshandlungen. Eine große Zahl von ihnen wurde von den dort zum Dienst eingeteilten österreichischen Wachleuten – Großteils SA-Männer aus Wien sowie Politische Leiter der NSDAP – ermordet. Am 29. März 1945 wurden die Gefangenen auf einen „Todesmarsch“ über Wolfsthal, Hainburg und Bad Deutsch-Altenburg in Richtung KZ Mauthausen geschickt. Wer nicht marschfähig war, wurde erschossen. Viele überlebten den Marsch und den darauffolgenden Transport auf einem Schleppschiff nicht.

„Engerau ist in mehrfacher Hinsicht ein Gedächtnisort“, sagt Claudia Kuretsidis-Haider, Leiterin der Abteilung Historische Sammlungen am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) und Initiatorin der Gedenkfahrt. „Es ist ein Gedächtnisort für die ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter des Lagers Engerau, die hier von österreichischen Nationalsozialisten ermordet wurden. Es ist also ein Ort, an dem sich Österreicher*innen neben dem Gedenken an die Opfer auch daran erinnern sollen, dass Österreicher hier unbeschreibliche Verbrechen begangen haben.“

Obwohl Engerau nur knapp 60 Kilometer von Wien entfernt liegt, waren diese Verbrechen in der öffentlichen Wahrnehmung in Österreich lange nicht präsent. Dabei waren die Taten in den ersten Nachkriegsjahren Gegenstand umfangreicher Ermittlungen der Justiz. Zwischen 1945 und 1954 verurteilte das Volksgericht Wien in sechs Prozessen 20 Täter. Neun von ihnen wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet, eine Person erhielt eine lebenslängliche Freiheitsstrafe. Insgesamt erfolgten gerichtliche Untersuchungen gegen mehr als 70 Personen. Der Akt wurde erst 1991 geschlossen. Die sechs Engerau-Prozesse stellten mit mehr als 8.800 Seiten den größten Prozesskomplex der österreichischen Nachkriegsjustiz dar.

Seit dem Jahr 2000 veranstaltet das DÖW rund um den Jahrestag des Massakers regelmäßig Gedenkfahrten, um an die Opfer von Engerau zu erinnern. Heuer war erstmals der Verein Gedenkdienst als Kooperationspartner beteiligt. Am 31. März 2025 nahmen rund 60 Personen an der Exkursion teil, darunter Walter Lutschinger, Enkelsohn jenes Polizeibeamten, der in den ersten Wochen nach der Befreiung maßgeblich zur Aufklärung der während des „Todesmarsches“ verübten Verbrechen beigetragen hatte. An der Gedenkfeier auf dem Friedhof von Petržalka beteiligten sich auch Johannes Wimmer, Österreichs Botschafter in Bratislava, Thomas Kurz, deutscher Botschafter in Bratislava, Ronen Levi, Stellvertretender Missionschef und Konsul der Botschaft von Israel, Kata Szebelédi, Stellvertretende Missionschefin der Botschaft von Ungarn, Michal Vanĕk, Direktor des slowakischen Nationalmuseums, und Maroš Borský, Direktor des jüdischen Gemeindemuseums. Rabbiner Baruch Myers sprach das Totengebet für die Männer, die im Lager Engerau ermordet wurden. Botschafter Wimmer beendete seine Gedenkrede mit den Worten: „Lassen Sie uns wachsam bleiben und bereit sein, die Grundsätze der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit zu verteidigen, denn Grausamkeit und auch Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer gehören nicht der Vergangenheit an.“

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes
Jakob Rosenberg
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